Ackerflächen in Frankfurt – Potentiale für die Stadtentwicklung oder unabdingbar für die regionale Versorgung?

Angesichts des starken Bevölkerungswachstums, das Frankfurt in den letzten Jahren erfahren hat, kommt immer häufiger die Forderung auf, landwirtschaftliche Flächen stärker für eine Wohnbebauung in Anspruch zu nehmen. Neben dem wichtigen Thema Klimaschutz, wird häufig dagegen ins Feld geführt, dass die Frankfurter Ackerflächen von besonderer Bedeutung für die regionale Versorgung seien. Einer These, der es sich lohnt nachzugehen.

Frankfurt sei die größte Agrargemeinde Hessens ist immer wieder zu hören und tatsächlich sind die Zahlen beeindruckend. Das Stadtgebiet mit insgesamt rund 25.000 Hektar (= 250 Quadratkilometern) Fläche besteht zu  fast 25 Prozent aus landwirtschaftlichen Flächen von denen gut 4.100 Hektar (ha) zurzeit genutzt werden. Damit steht Frankfurt zwar nicht auf Platz 1 in Hessen – dieser Platz gebührt Diemelsee mit 7.200 ha -, aber immerhin auf Platz 6 und bei den größeren Städten nach Wiesbaden knapp auf Platz 2. Wobei Wöllstadt mit gut 81 Prozent den höchsten Anteil von Agrarflächen am Gemeindegebiet hat.

Wichtig bei der regionalen Versorgung ist natürlich die Frage wieviel Fläche pro Kopf für die Ernährung bei unseren heutigen Konsumgewohnheiten und dem Wohlstandsniveau in Anspruch genommen wird. Aktuellen Studien zufolge beläuft sich dieser auf gut 0,24 Hektar pro Person. Für Frankfurt bedeutet das, dass aus den landwirtschaftlich genutzten Flächen heraus gerade einmal gut 17.000 Menschen ernährt werden könnten. Bei einer Gesamtbevölkerung von 724.000 entspricht dies ca. 2,3 Prozent oder gerade einmal einem Stadtteil wie Rödelheim oder Heddernheim.

Eine andere Frage ist die, was überhaupt regionale Versorgung charakterisiert. Hier gibt es keine einheitliche Definition. Aus dem Forschungsinstitut für ökologischen Landbau heißt es: „Rein geografisch gesehen ist die Region definiert als ein Raum kleiner als ein Nationalstaat (zum Beispiel Deutschland), aber größer als eine Kommune. Oft geben zum Beispiel Naturräume, wie der Schwarzwald oder die Rhön, einer Region ihren Namen, das kann aber genauso gut etwa ein Bundesland sein.“ Und der Naturschutzbund Deutschland schreibt: „Region ist das, was sich als solche fühlt.“ Tatsache ist, dass die gesamten landwirtschaftlichen Flächen des Bundeslandes Hessen (886.000 ha) gerade einmal 60 Prozent der Bevölkerung (ca.3,7 von 6,2 Millionen) ernähren könnten.

Hinzu kommen noch weitere Aspekte. Insgesamt werden in Deutschland jedes Jahr über 18 Mio. Tonnen Nahrungsmittel weggeworfen, was fast einem Drittel des aktuellen Nahrungsmittelverbrauchs in Deutschland (54,5 Mio. t) entspricht. Davon wären nach einer Studie der Umweltstiftung WWF Deutschland über die Hälfte vermeidbar. Allein dadurch ließe sich der Flächenverbrauch pro Kopf für die Lebensmittelproduktion um 13 Prozent verringern. Bei 82 Mio. Einwohnern rund 2,6 Mio. ha. Auch der Fleischkonsum hat erhebliche Auswirkungen und macht gut 1 ha Flächenverbrauch pro Person aus. Die Stellschrauben liegen also in nicht unerheblichem Maße auch beim Verbraucher. Somit ist das Thema der regionalen Versorgung Teil eines äußerst komplexen Sachverhalts.

Aber regional ist auch nicht immer sinnvoll, wie Wissenschaftler der Uni Gießen herausgefunden haben. Sie rechneten vor, dass zum Beispiel im Stall gehaltene Rinder in Deutschland deutlich mehr CO2 verursachen, als die Freilandhaltung in Argentinien. So schneidet argentinisches Rindfleisch trotz des langen Transportweges besser ab, sofern dieses per Schiff transportiert wird. Dies gilt auch für Obst. Die Lagerung heimischer Äpfel verursacht außerhalb der Saison mehr Treibhausgase, als die frisch geernteten aus Südamerika.

Was wird überhaupt in Hessen produziert? Der Präsident des Hessischen Bauernverbandes, Karsten Schmal, gibt dazu Auskunft und berichtet, dass bis zu 80 Prozent der hessischen Produktion in den Export gingen. Damit geht die Bedeutung der Hessischen und der Frankfurter Landwirtschaft für die regionale Versorgung gegen Null. Auch das Thema biologischer Anbau ist für die Frankfurter Landwirte keines. In Frankfurt gibt es einen einzigen zertifizierten Betrieb, einen Obsthof, der gerade einmal 16 ha bewirtschaftet.

Umgekehrt verursacht die konventionelle Landwirtschaft durch Kunstdünger und chemische Pflanzenschutzmittel erhebliche Belastungen für Mensch und Umwelt, wie das Bundesumweltamt seit Jahren dokumentiert. Insbesondere die Nitratbelastung des Grundwassers stellt  für die Trinkwasserversorgung ein Problem dar. Gerade in einem Ballungsraum wie der Region Frankfurt Rhein-Main. Auch ist die Artenvielfalt in der Agrarlandschaft aufgrund von Intensivierung und Monotonisierung seit Jahren rückläufig. Laut Umweltbundesamt zählt die konventionelle Landwirtschaft heute zu den treibenden Kräften für den Verlust an biologischer Vielfalt.

Es zeigt sich also, dass hinsichtlich der Ackerflächen im Stadtgebiet Frankfurt eine sehr differenzierte Betrachtung notwendig ist. Stadtentwicklung ist selbstverständlich niemals nur ein Zahlenspiel, aber mit Fakten lassen sich gängige Argumentationen gut auf ihre Stichhaltigkeit überprüfen.

Angesichts des anhaltenden Bevölkerungswachstums und den daraus drohenden resultierenden sozialen Verwerfungen scheint die kompakte, nachverdichtete Stadt und die Ergänzung der Siedlungsstrukturen auf bisherigen Freiflächen in Frankfurt eine auch ökologisch vertretbarere Lösung zu sein. Flächeneffizienter Geschoßwohnungsbau, kurze Wege, energieeffizientes Bauen sind hier einige Stichpunkte, genauso wie natürlich Kaltluftentstehungsgebiete, Frischluftschneisen und Naherholung. Die Diskussion über die Zukunft Frankfurts sollte sich auf die geeigneten Orte für eine klimaverträgliche Stadtentwicklung konzentrieren – im Innen- wie im Außenbereich. Für die Lebensmittelversorgung der Frankfurter Bevölkerung können die Ackerflächen hingegen keinen nennenswerten Beitrag leisten.

 

Quellen:
Über die ausgewiesenen Landwirtschaftsflächen und die davon abweichende Nutzung von Flächen für landwirtschaftliche Zwecke gibt die Hessische Gemeindestatistik Auskunft (http://www.statistik-hessen.de/publikationen/download/496/). Die Frage der Inanspruchnahme von Flächen zum Zwecke der Lebensmittelversorgung ist sehr ausführlich in der Studie „Das große Wegschmeißen“ des WWF dargelegt (http://www.wwf.de/2015/juni/das-grosse-wegschmeissen/). Ebenso wird dort das Thema der Lebensmittelverschwendung umfassend dargestellt. Über das Thema Flächenverbrauch für die Lebensmittelproduktion findet man auch beim Schweizer Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung viele Informationen (http://www.bwl.admin.ch). Hinsichtlich der CO2-Emissionen in Zusammenhang mit Lebensmitteln hat der Lehrstuhl für Prozesstechnik in Lebensmittel- und Dienstleistungsbetrieben an der Justus-Liebig-Universität Gießen (http://www.uni-giessen.de) mehrere Studien durchgeführt über deren Ergebnisse auch medial verschiedentlich berichtet wurde. Zu den aus der Landwirtschaft resultierenden Umweltbelastungen gibt es vom Umweltbundesamt zahlreiche Publikationen. Stellvertretend seien hier die Studien „Umweltprobleme der Landwirtschaft“ (http://www.umweltbundesamt.de/publikationen/umweltprobleme-der-landwirtschaft-30-jahre-sru) und „Umweltbelastende Stoffeinträge aus der Landwirtschaft“ (http://www.umweltbundesamt.de/publikationen/umweltbelastende-stoffeintraege-aus-der) genannt.

Comment (5)

  1. TOBIAS RÜGER

    Gut argumentiert. Dass die lanwirtschaftlichen Nutzflächen in Frankfurt schlichtweg unbedeutend sind, war mir nicht klar. Das spricht dafür, sie anders zu nutzen.

  2. Michael Hellmich

    Man muss diese Flächen anders nutzen! Bei einem Netto-Zuzug von 2000 bis 3000 Familien pro Jahr bleibt einem – auch zugunsten der Altbevölkerung – gar nichts anderes übrig. Oder, könnte wirklich jeder „mithalten“, wenn die Miepreisbremse weiterhin nicht zieht und man sich nach einer neuen Wohnung umsehen muss?

    Was mich aber wirklich aufregt, ist, wie die Mittel für Infrastruktur in die Innenstadt gepumpt werden. Da freuen sich die Reichen über die weitere Wertsteigerung ihrer Immobilien durch Steuergelder, während Zeilsheim, Fechenheim, Höchst diese Mittel nun wahrlich dringender bräuchten.

    Ein letzer Punkt: ich würde auch Fläche für Einfamilienhäuser, mit großzügiger Gartenfläche vorsehen. Denn auch an diesem Ende muss etwas getan werden. Und ob die QM-Rasenfläche jetzt der Stadtgehören oder Privatpersonen, die auch für den Unterhalt aufkommen, wäre mir „schnuppe“. Der Ökologische Aspekt würde nicht zu kurz kommen und insb. Familien hätten wieder Hoffnung bezahlbare Unterkünfte beziehen zu können, die dem Ideal eines Einfamilienhauses mit Garten nahekämen.

  3. Michael Hellmich

    Mit dem Gelände unterhalb des Parks Lohrberg (Richtung Seckback) würde ich anfangen. Dort gibt es vielleicht 20 (zum Teil) verwilderte Gärten. Dies zu Bauland gemacht, könnten dort hunderte Familien unterkommen.

    Mit dem Park in laufnähe wäre das wirklich ideal zum naturnahen Bauen und könnte die Richtung ebenen für einen weiteren Ausbau der Stadt. Durch einen entsprechenden Ausbau der Verkehrsanbindung hätten auch die Alteingesessenen etwas davon …. Win Win.

    Die andere Gegend: Nidda-Schleife

  4. Werner Hackermeier

    Es wird Zeit, das in Frankfurt nicht nur über die landwirtschaftliche Flächen, sondern auch über Wälder zur wohnwirtschaftlichen Nutzung nachgedacht wird.
    Selbstverständlich müssen die Flächen an einem anderen Ort ( aber nicht im Rhein-Main Gebiet) wieder als Ausgleich zur Verfügung gestellt werden.
    Im Rahmen einer städtebaulichen Entwicklungsmassbahme ( SEM) erfolgt dies automatisch.
    Der Riedberg in Frankfurt war und ist hierfür ein Vorbild. Es wurde auf einen Ausgleich sehr großen Wert gelegt, und 15.000 Bewohner erfreuen sich heute im neuen Stadtteil.
    Der Politik liegen alle Werkzeuge zur weiteren Staftentwicklung vor.

    Ihr
    Werner Hackermeier
    (14 Jahre Projektleiter SEM Riedberg)

  5. Ulrich Caspar MdL

    Vielen Dank, lieber Olaf Cunitz, für die Darstellung. Vorurteile kann man nur mit Informationen begegnen! Der Beitrag hilft! Ulrich Caspar MdL

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